
In ihrem Porträt „Zwei Schwestern“ setzt sich unsere Autorin mit ihrer eigenen Familiegeschichte auseinander und stellt sich die Frage, inwiefern weiblichen Künstlerinnen Vorbildschaft zugestanden wird.
Auf meinem Kleiderschrank stehen zwei Paar Schuhe. Früher, als der Schrank noch im Zimmer meiner Großeltern stand, befanden sich auf dem Kleiderschrank zwei Tonformen, abstrakt und tomatenrot, ich konnte nie etwas mit ihnen anfangen. Doch die beiden Schuhe, die sich heute auf dem Schrank befinden, könnten mir nicht näher am Herzen liegen. Das eine ist ein Paar Tanzschuhe aus den 1950ern, dezent silbrig glänzend mit niedrigen Absatz und abgewetzten Sohlen. Das andere Paar ist ein knallbuntes Paar Harlequin-Schuhe aus den 80ern, spitz zulaufend, in pink und lila. Die beiden Frauen, denen die zwei Paar Schuhe gehörten, sind tot. Meine Großmutter und meine Großtante starben vor mehr als 10 Jahren. Ich hob die beiden Paar Schuhe eher zufällig auf und zufällig landeten sie auf meinem Schrank, wo ich sie vor Kurzem wiederentdeckte. Irgendwie rührte mich die Art, wie die beiden Paare nebeneinander standen, halb aufeinander liegend und den Anschein erweckend, als würden sie sich gegenseitig beschützen. Ich erinnerte mich wieder an das besondere Verhältnis, das die beiden Schwestern zueinander gehabt hatten, diese beiden Frauen, die einem immer wie frisch aus einem Modemagazin entsprungen begegneten. Wenn ich an Oma Vevi und Tante Adi – Genoveva und Adolfine – denke, fällt mir vor allem die Stilsicherheit der beiden auf. Oma machte ihre eigenen Entwürfe von Kleidern oder Geschirr und ließ sie anfertigen. Ich habe immer noch Zeichnungen und den tief türkisgrünen seidigen Stoff von ihr, aus denen nie ein Kleid geworden ist. Bei meiner Oma passte immer alles zusammen. Von den manchmal zu kräftig nachgezogenen schwarzen Augenbrauen – man erkannte daran immer, dass sie einen schlechten Tag hatte – über ihre obligatorischen mit Blumen besetzten Hüte und Mützen bis hin zu den aufs Outfit angepassten Schuhen war sie immer modern und elegant. Ihre Schwester hatte einen komplett anderen Stil, gepflegt und traditionell, eine grand dame. Ich habe mich noch als junge Frau oft darüber gewundert, warum Mode und Auftreten, die Wirkung nach Außen einen so hohen Stellenwert in meiner Familie väterlicherseits eingenommen hat und reagierte mit entsprechendem Trotz und zerrissenen Strumpfhosen, ungekämmten Haaren und punkigen Looks. Die Schönheit meiner Großmutter war häufig ein Thema, allerdings schwankte mein Großvater je nach Tagesform dabei, wie er davon erzählte. Entweder habe er das schönste Mädchen des Dorfes geheiratet oder sie war heute nur noch dick, mit ihrem großen Atombusen und habe ihr gutes Aussehen längst verloren. Einmal schmiss er ihre gesamten alten Klamotten weg mit der Begründung, sie seien zu alt und würden dementsprechend riechen. Danach zog Vevi los in die Stadt und kaufte von seinem kompletten Monatslohn neue Klamotten.
Unser privates Familienleben war von den Ideen der beiden Frauen durchdrungen, die Feste, Kaffekränzchen Ausflüge, sie alle wurden von den beiden organisiert und resolut durchgesetzt. Mir kam es immer seltsam vor, wenn ich hörte, dass eine so selbstbewusste Frau wie meine Großmutter von meinem Großvater verboten bekommen hatte zu arbeiten. In meiner Vorstellung hätte sie sich das nie gefallen lassen. Während meine Großmutter und ihre Schwester also unser privates Familienleben managten, war mein Großvater in politischen Kontexten unterwegs. Ich weiß noch, dass er fast jeden Tag in die Stadt fuhr, um sich auf dem Marktplatz mit diesem oder jenem politischen Freund zu treffen, während Oma Vevi sich um die Freunde oder die Familie kümmerte. Die beiden hatten sich ihre Lebenssphären aufgeteilt: Opa war im Öffentlichen unterwegs, während Oma im Privaten ihre Selbstverwirklichung fand. Heute als junge Frau, die selbst ihre ersten Schritte ins Berufsleben macht, empfinde ich umso deutlicher, wie einschneidend es für Oma Vevi gewesen sein muss, wie selbstverständlich nur diese eine Sphäre zugeschrieben zu bekommen. Wie selbstverständlich den Pudding nach dem Abendessen zuzubereiten, während Opa die Nachrichten schaute und am Weltgeschehen teilnahm, wie selbstverständlich schon im November anzufangen Plätzchen zu backen, damit die Familie eine schöne Weihnachtszeit genießen konnte oder Kaffeekränzchen und Feste mit dem Freundeskreis zu organisieren, damit die Familie nicht aus dem sozialen Netz fällt. Für Tante Adi gilt diese Beobachtung fast noch in zugespitzterer Form. Mit 17 wurde sie die „Muse“ eines ältlichen Würzburger Künstlers, um erst mit 63 Jahren nach dessen Tod einen anderen gleichaltrigen Maler zu heiraten. Noch heute sehe ich vor meinem inneren Auge das unbelebte Wohnzimmer, in dem das Sonnenblumenstilleben Onkel Rudolfs auf einer zu sauberen Staffelei ausgestellt war. Meine Großtante selbst galt nie als Künstlerin. Die Geschichten, die in unserer Familie zirkulierten, erzählten immer nur davon, dass Adi ein Faible für Künstler habe, die sie durch ihr gutes Aussehen inspirierte. Lange glaubte ich selbst diese Erzählung, obwohl ich den Charakter dieser beiden durchsetzungsstarken Frauen nie mit der ihnen zugeschriebenen Passivität in Verbindung bringen konnte. Ich empfand beide viel mehr als Macherinnen als beispielsweise meinen Großvater oder selbst den Maler, den Adi spät geheiratet hatte. Zu stark wirkten die Zuschreibungen an die beiden Sphären, als dass ich sie groß hinterfragte: Aktivität und Öffentlichkeit sowie Passivität und private Häuslichkeit, auch wenn mein Empfinden immer etwas anderes sagte. Die Konsequenz war, dass ich zwei Frauen in meinem direkten Umfeld hatte, die mir eigentlich aktive Künstlerinnenschaft in Form ästhetischen Gestaltungswillens vorlebten, ich sie aber nie in dieser Vorbildfunktion wahrnahm. Die Kunst von Adi und Vevi funktionierte anders als die Onkel Rudolfs. Ich würde sie heute mit dem Attribut performativ versehen. Sie war lebendig, im Moment und konfrontativ. Die Tischgesellschaft, die Oma veranstaltete war nach wenigen Stunden wieder vorüber, die perfekt glasierte saftige Rumbombe mit dem glänzenden Schokoladenüberzug aufgegessen und die Bienenwachskerzen am Weihnachtsbaum, die per Hand angezündet wurden und sich mit dem grünen Duft der Nordmanntanne vermischten heruntergebrannt. Doch der Moment den sie gestaltet hatte, hinterließ bis heute einen Abdruck in meinem Wesen, eine Art Blaupause des Zusammenseins und des Bereitstellens sozialer Umgebungen, in denen Begegnung möglich werden kann. Das aufeinander abgestimmte Geschirr, die Farbenpracht ihrer Outfits, von denen man den Blick kaum abwenden konnte, holten einen in den Moment und luden dazu ein das Leben genau jetzt und hier zu genießen und zu feiern. Insofern war auch meine Großtante viel mehr Gestaltende als bloße Inspiration, Teilhabende an den Kunstwerken, für die sie Modell stand, eingegangen in eine Welt, die sie selbst beeinflusste durch ihre Eleganz. Die Kostüme die sie trug, die hochgeschlossenen weißen Blusen aus dem feinen gecrepten Stoff, von denen sich ein goldenes Medaillon abhob, erzählten eigene Geschichten, ließen den Geist wandern in andere Zeiten.
In den Kontext der passiv konnotierten Häuslichkeit verbannt, holten sich Adi und Vevi ihren Gestaltungswillen zurück und etablierten eine eigene Form künstlerischer Selbstbefreiung, für die in einer patriarchal organisierten Welt erst noch der Blick geschärft werden muss. Weibliche Agency und Künstlerinnenschaft weicht von den uns bekannten Mustern ab, erscheint flüchtiger und subtiler. Unsere Aufgabe ist es, unseren Blick zu weiten für neue Formen der Gestaltung und die eng gesetzten Grenzen unseres Geistes aufzubrechen.
Ann-Kathrin Pfeifer hat Germanistik und Europäische Ethnologie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg studiert und liebt Alltagsgeschichten. Sie sucht gerne die große Geschichte in den kleinen Dingen und entdeckt hier, welche Strukturen unser aller Zusammenleben bestimmen und unseren Alltag prägen.
