Was sagt uns unser eigener Blick auf Alter und wie schauen wir auf das Ende des Lebens? In diesem Porträt konfrontiert sich unsere Autorin mit diesen Fragen.

Die Wände der kleinen Küche im dritten Stock sind über und über mit unterschiedlichen Papieren behängt. Vergilbte Postkarten aus den 50ern hängen neben handgeschriebenen Gedichten im DIN A4-Format. Dankeskarten überlappen gerahmte Familienfotos und fein säuberlich geordnete Listen mit Adressen und Telefonnummern. Ein Foto einer jungen Frau mit ernstem Blick auf einem großen Pferd hängt neben einer alten Urkunde – erster Platz in einem Boxturnier, 1967. Für alltägliche Verrichtungen ist auf den Ablageflächen kein Platz mehr. Weihnachtskarten besetzen den kleinen Esstisch, an dessen Kante drei Aluschalen die halb gegessenen Reste der Essen-Auf-Rädern-Lieferung balancieren – kalter Kaiserschmarrn mit Apfelbrei. Jedes Mal, wenn ich Frau Winterstein Essen bringe, ruft sie mir durch das Treppenhaus entgegen, ich solle langsam machen, mich nicht hetzen. Sie ist die Letzte in der Runde, alle anderen Essen sind um kurz nach halb Eins längst verteilt. Jedes Mal steht sie in ihrem flauschigen gelben Bademantel in der Tür, die langen Haare elegant hochgesteckt und lächelt mir zu. Ein paar Zähne fehlen ihr. Manchmal schlüpft sie noch schnell in verblasste rosa Pumps mit halbhohem Absatz, während ich die letzten Stufen zu ihr hoch steige und jedes Mal fängt sie an zu weinen, wenn ich nach unserem 10-minütigen Mittagsplausch wieder gehe. Frau Winterstein umgibt eine Unmittelbarkeit, die ich bei keiner der anderen 30 Kund_innen, die ich in den drei Stunden meiner Essen-Auf-Rädern-Tour beliefere, erlebe. Ich frage mich, warum ich mich dieser fremden Frau so nah fühle, woher dieses unbestimmte Gefühl von Intensität kommt. Es ist, als wäre man in eine Art Märchen geraten, in dem die Gesetze der Zeit anders funktionieren. In nur fünf Minuten lässt sie mich verstehen, wer sie ist, macht keinen Hehl aus ihren Gefühlen, ohne sich aufzudrängen. Ich stelle mir vor, dass sie einmal schön gewesen sein muss. Sie ist es noch. Oder erst Recht. Zierlich, mit sanften Augen und einem breiten Lächeln, geradem Rücken, feinen Händen und einer großen Liebe für funkelnden Schmuck steht sie im Flur ihrer Wohnung und entschuldigt sich, dass ich so weit zu ihr hochsteigen muss. Margarete Winterstein ist 94 Jahre alt und verwitwet. Sie hat nur eine kleine Rente und lebt in Altersarmut. Ihr geistig behinderter Sohn ist früh verstorben, hat den Großteil seines Lebens in einer Wohngruppe verbracht. Sie heiratete mit Anfang 20 in die Sinti-Familie Winterstein ein. Eine große Familie, die wie sie auch heute noch im selben Viertel unserer kleinen Großstadt wohnt. Manchmal besuchen sie Verwandte. Manchmal. Die meiste Zeit ist sie allein. Die Letzte, diejenige, die zurück geblieben ist. Das Haus, in dem sich ihre Mietwohnung befindet, hat keinen Aufzug und es ist für sie zu beschwerlich geworden, die vielen Treppen zu Fuß rauf und runter zu gehen. Deshalb bleibt sie oben in der Wohnung. Jeden Mittag um 12 macht sie dem Dienst von Essen-Auf-Rädern die Tür auf. Jeden Mittag um 12 richtet sie sich her, um dann wieder zu warten. Auf den nächsten Mittag, an dem das Essen kommt, dass sie nicht mehr aufessen will.

Auch an diesem Mittag bringe ich ihr Essen. Diesmal erst nach dem Ende meiner Schicht. Es gibt wieder Kaiserschmarrn mit Apfelbrei. Wir setzen uns in ihr Wohnzimmer, das dieselbe Mischung aus Erinnerungen und Alltagsgegenständen beherbergt, wie die Küche und der ganze Rest ihrer Wohnung. Zwei Tassen mit Weihnachtsmotiven und Teebeuteln stehen bereit für uns. In dieser einen Stunde, die den Tag teilt, die zwischen Beginn und dem langen Rest unterscheidet, blüht Frau Winterstein auf, ist ganz und gar anwesend. Sie erzählt von ihrer Arbeit in einem kleinen Handarbeitsgeschäft und davon, wie sie gemeinsam mit ihrem Mann von Tür zu Tür gefahren ist, um Stoffe und andere Handarbeitsartikel zu verkaufen. Als ihr Sohn noch klein war, fuhr er mit ihnen mit, wartete im Auto, bis sie wieder zurückkamen. Sie verbrachten fast den ganzen Tag zusammen. Alle drei ein eng verwobenes Netz, aufeinander abgestimmt wie ein Uhrwerk. Wenn die Kund_innen einmal pampig gewesen seien, sei sie immer extra freundlich geblieben. Keine aufgesetzte Nettigkeit, um zu provozieren. Nein. „Aber man kann ja nie wissen, was grad beim Andern so los ist.“ Nach einem netten Wort oder einem kleinen Scherz habe sie die Meisten schon weich klopfen können. Die meisten Menschen nähmen sich einfach zu ernst. Die Welt sei doch eigentlich viel zu schön, um nur pessimistisch zu sein. Margarete Winterstein selbst ist niemand, der sich allzu ernst nimmt. Im besten, wie im schlimmsten Sinn. Man möchte ihr zurufen, sie solle sich vom Leben nehmen, was ihr zusteht, um gleichzeitig ihre bewusste Zurückhaltung zu bewundern. Früher habe sie gerne und gut gekocht. Sie hat es von ihrer Mutter gelernt, die ihr die alten Familienrezepte beigebracht hat: Deftige fränkische Spezialitäten. Sie würde gerne wieder einmal groß aufkochen, für eine große Gesellschaft. Nur für sich alleine zu kochen, dazu fehlt ihr die Lust. Eigentlich wolle sie nur noch eines wirklich: So schnell wie möglich zu ihrem Mann und Sohn: „Dass der Herrgott mich zu sich hoch holt, das wünsch ich mir!“ Aber ihr Glaube verbiete es ihr, etwas zu unternehmen. Alles müsse seinen vorbestimmten Gang gehen. Ihr bliebe nichts anderes übrig, als zu warten. Damit habe sie sich abgefunden, auch wenn es ihr viel zu langsam gehe. Margarete Winterstein erzählt Geschichten häufig nach diesem Muster: Von scheinbaren Banalitäten geht sie eine Ebene tiefer, holt ihre intimsten Emotionen an die Oberfläche, ohne weiter ein großes Thema daraus zu machen. Vielleicht entsteht dadurch dieser seltsame Eindruck von Unmittelbarkeit. An diesem Ort scheint die Zeit still zu stehen, auf diese eine Stunde des Tages zurückgeworfen, in der Zukunft und Vergangenheit in einem einzigen Moment verschmelzen. Die größten Unterschiedlichkeiten scheinen bei Frau Winterstein gleichzeitig anwesend zu sein. Auf kleinstem Raum finden sich Gegenwart und Vergangenheit, Lebenslust und Lebensüberdruss, liebevolle Gemütlichkeit und Verwahrlosung, Scharfsinn und Überforderung, Gemeinschaft und Einsamkeit. Gegensätze auf den ersten Blick, die aber in ihrer Verwobenheit als Teil eines Ganzen existieren. In Frau Winterstein scheint eine Art von Zeitlichkeit zu existieren, die sich einer linearen Abfolge entzieht. Hier existiert nur noch die Unmittelbarkeit des Moments, der keine Zukunft mehr kennt. Überdeutlich empfinde ich ihren Wunsch zu gestalten, etwas zu hinterlassen. In dieser Fülle an Leben wird die Abwesenheit eines Sprechens über die Endlichkeit umso sichtbarer. Eine gesellschaftliche Leerstelle, ein Handwerk, dass ich nie gelernt habe. Ich bleibe stumm gegenüber einer Frau, die mich mit meinem eigenen Blick auf Alter konfrontiert. Alter gerinnt zu einem Warten auf den Tod, weil die Worte fehlen, um über ein Leben ohne Perspektiven zu reden, dass aber hunderte Perspektiven umfasst. Materielle Versorgung überwiegt die psychische, obwohl sie kaum noch gewollt ist: Tage, die nur von der unsteten Reise von einem ins andere Zimmer unterbrochen werden, um Bedürfnisse zu pflegen, die längst nicht mehr existieren. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – geht von der sanften Frau eine unheimliche Lebendigkeit aus. Ein Destillat an Essentialität. In der kleinen Wohnung im dritten Stock existiert die Zeit in anderen Farben. In der kleinen Wohnung im dritten Stock existiert nur der Moment – Vergangenheit, die zur Gegenwart geworden ist.

Ann-Kathrin Pfeifer hat Germanistik und Europäische Ethnologie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg studiert und liebt Alltagsgeschichten. Sie sucht gerne die große Geschichte in den kleinen Dingen und entdeckt hier, welche Strukturen unser aller Zusammenleben bestimmen und unseren Alltag prägen.