
Das Porträt eines Ortes, der einst am Puls der Zeit existierte.
Als ich um die Ecke hinter der alten Eibenhecke biege, sehe ich die Sonne hinter zwei hohen Birken untergehen. Orange und gelb blitzt sie auf und taucht das Haus mit der muschelrosafarbenen Fassade hinter den Birken mit ihren schrägen Strahlen in ein dampfiges Licht. Abrupt bleibe ich stehen. Irgendwie fasziniert mich der Anblick dieses Hauses. Es ist eigentlich nicht wirklich ein Haus, sondern eine kleine Gartenlaube, aber durch die Art, wie es gebaut ist, wirkt es wie eine große Villa. Der Eingang, der mit einem schmiedeeisernen Tor verschlossen ist, wird von zwei Säulen mit gemeißelten Zapfen flankiert, neben denen die beiden Birken stehen, die so wirken, als seien sie mit Bedacht genau an diese Stelle gesetzt worden, um den Eindruck eines prachtvollen Herrenhauses noch zu verstärken. Der Grundstein am Fuß der linken Säule erzählt von der Vergangenheit des Häuschens aus dem Jahr 1923. Ich steige langsam die Treppe zum Eingang des Hauses hoch und erreiche eine Terrasse, deren Bodenfließen von Löwenzahn und anderem Grün aufgebrochen sind. Auch die Fließen auf der Schwelle des Hauses sind von feinen Rissen durchzogen, wodurch die Darstellungen der tanzenden Flappergirls fast noch zarter und filigraner wirken. Mit einem kleinen Sprung, um die bunten Tanzbilder nicht weiter zu beschädigen hüpfe ich ins Haus und erlebe eine kleine Enttäuschung. Nach den vielen Details, die vor meinem geistigen Auge Bilder von funkelnden Sommernächten, durchgetanzten Schuhen und schnellem Swing entstehen ließen, erwartet mich ein nahezu leerer Raum. Statt einem angelaufenen Kronleuchter finde ich nur noch eine leere Badewanne und drei Stühle vor. Einzig in den Scherben eines großen Fensters, die den Boden gegenüber des verlassenen Stuhlkreises bedecken, finde ich das Funkeln meiner Vorstellung wieder. Als ich gerade dabei bin das Haus zu verlassen, bemerke ich Überreste bunter Tapeten. Unter einer perlweißglänzenden Raufasertapete spitzt das orangerote Muster einer geometrischen Fließtapete hervor. Schicht um Schicht schält sich die Vergangenheit des Hauses heraus, zeigt sich die Chronologie seines Lebens. Auf dem Grund dieses Skeletts finde ich eine Schicht alter Zeitungen, mit denen die nackte Wand verkleidet worden zu sein scheint. Neuigkeiten von 1920. Am liebsten würde ich vorsichtig die obersten Tapetenschichten abziehen und die dahinterliegenden Botschaften freilegen. Das Haus lesen, um zu wissen, was die Welt bewegte, als der Raum sich noch im Schwung der goldenen 20er drehte.
„Kleingärten waren für Arbeiter_innenfamilien oft eine Möglichkeit den beengten Wohnverhältnissen der Großstadt zeitweise zu entkommen, sich mit frischem Obst und Gemüse zu versorgen und zeitweise dienten die kleinen Häuschen der Gärten auch als dauerhafte Unterkunft für wohnungslos gewordene Menschen. Vor allem während der Wirtschaftskrise der 1920er. Nach der Machtübernahme durch die Faschist_innen dienten die Lauben teilweise sogar als Fluchtorte und Verstecke.“
Was mich vor allem hier ratlos zurücklässt, ist dieser verkommene Prunk des kleinen Häuschens, das wie die Miniaturversion einer richtigen Villa mitten im Wald wirkt. Was war der Ursprung dieser Siedlung einst gewesen? Stehe ich wirklich in einer alten Kleingartensiedlung, einem Wochenenddomizil der Bewohner der angrenzenden Stadt? Dafür scheint die Stadt für damalige Verhältnisse zu weit entfernt zu sein und außerdem war sie in den 1920er Jahren mit 84 000 Einwohner_innen noch keine Großstadt, die keine Grünflächen zur Selbstversorgung in der näheren Umgebung geboten hätte. Kleingärten waren für Arbeiter_innenfamilien oft eine Möglichkeit den beengten Wohnverhältnissen der Großstadt zu entkommen, sich mit frischem Obst und Gemüse zu versorgen und zeitweise dienten die kleinen Häuschen der Gärten auch als dauerhafte Unterkunft für wohnungslos gewordene Menschen. Vor allem während der Wirtschaftskrise der 1920er. Nach der Machtübernahme durch die Faschist_innen dienten die Lauben teilweise sogar als Fluchtorte und Verstecke.
Die Geschichte der Kleingärten ist vielseitig. Die Schrebergartenbewegung hatte in den 1920er jedenfalls einen großen Aufschwung. Die Bauherren dieses kleinen Anwesens scheinen ihren Finger genau am Puls der Zeit gehabt zu haben. Die tanzenden Frauengestalten auf den Eingangsfließen, die emaillierte Badewannde in der Ecke, die geometrische farbenprächtige Tapete und der muschelrosa Putz der Außenwand, sie alle waren einmal todschick und zu einem Zeitpunkt erbaut worden, zu dem dieser Trend noch nicht lange andauerte.
