
Ein verlassenes Haus im Wald, der Schutt verschiedener Jahrzehnte nebeneinander. Das Porträt einer längst vergessenen Geschichte, das die Frage danach aufwirft, was uns Gegenwart bedeutet.
Es ist ein Spätfrühlingsnachmittag irgendwo bei Würzburg und ich habe Lust etwas Besonderes zu erleben. Meine Freundinnen sind gerade gegangen und ich bin etwas enttäuscht, weil ich mir vorgestellt hatte, wie wir die Nacht durchtanzen oder die ersten warmen Tage im alten Steinbruch am Lagerfeuer ausklingen lassen. Weil dem aber nicht so ist, brechen mein Freund und ich zu einem Spaziergang auf, um wenigstens ein bisschen aus dem Haus zu kommen und die Gedanken zu ordnen – und außerdem muss der Hund raus… Die letzten Tage hat es durchgehend geregnet und die Spätnachmittagssonne, der weiche Waldboden und die süße mit Blütenduft angereicherte Luft verleitet uns dazu, den Gassigang erheblich auszudehnen und von unserer gewohnten Route abzuweichen. Statt nach rechts abzubiegen, gehen wir also geradeaus, immer tiefer in den Wald hinein. Ich habe das Gefühl irgendwo im Nirgendwo zu sein, endgültig die gewohnten Pfade der Zivilisation verlassen zu haben.
„Ich habe einen Ort entdeckt, der außerhalb der Zeit zu existieren scheint. Hier gibt es kein Morgen mehr, ich bin durch ein Portal gereist und in allen Vergangenheiten gleichzeitig herausgekommen.„
Als wir den gewundenen Weg weitergehen, stoßen wir jedoch auf etwas, mit dem ich hier nicht gerechnet hatte: Zu unserer Rechten ragt der Giebel eines windschiefen Holzhauses aus dem braungrünen Wirrwarr undurchdringlichen Dickichts. Dass ich ausgerechnet heute auf dieses eingefallene Holzdach stoße ist für mich wie ein Geschenk, genau das besondere Abenteuer, das ich erleben wollte. Also biege ich die dornigen Zweige auseinander und betrete moosigen Boden, der unter meinem Gewicht nachgibt. Zwischen Glasscherben und rostigen Fassringen bahne ich mir meinen Weg an einem verfallenen Mäuerchen entlang, bis ich um die Ecke des Hauses schauen kann und eine marode Holztüre sehe. Ich betrete das kleine Haus und habe das Gefühl in der Kulisse eines Horrorfilmes zu stehen. Ein verblichenes Graffiti an der gegenüberliegenden Wand fordert mich dazu auf, die Augen offen zu halten: „See what i see“ steht am Eingang zum nächsten Zimmer und ich fühle mich plötzlich ziemlich nervös und irgendwie beobachtet. Ich gehe also vorsichtig über knarzende Holzdielen, vorbei an leeren Farbdosen und umgeworfenen Stühlen und luge in den angrenzenden Raum. Natürlich ist dort niemand, das einzige, was ich vorfinde ist noch mehr Unordnung und Verfall. Die Matratze eines alten Bettes hängt schief auf ihrem Lattenrost und der Lampenschirm einer genähten 70er-Jahre Lederlampe erscheint einigermaßen aus der Fassung geraten. Gleichzeitig bemerke ich in diesem Chaos aber auch Details einer längst vergangenen Zeit, die von liebevoller Fürsorge für dieses Häuschen zeugen. An der Wand neben der Tür hängt ein alter Strohhut mit Stoffblume am Hutband, der so gepflegt aussieht, als habe die Besitzerin ihn gerade erst dort hingehängt. Die bunten Vorhänge an den Fenstern sind ordentlich zur Seite geschoben und passen farblich perfekt zu Lampe und Couch. Dieses Haus, das von außen noch so krumm und klein wirkte, erscheint innen als verwinkeltes Labyrinth, in dem sich Zimmer an Zimmer reiht. Nach dem Wohnzimmer betrete ich eine Art Küche, wie ich zumindest aufgrund des alten Herds vermute, der rostig braun an der Wand neben der Tür lehnt. Dieses Haus mit seinen Windungen und Nischen, seinen versteckten Räumen und unerwarteten Funktionen lässt mich ratlos zurück. Wer baut mitten in den Wald solch eine Miniaturversion eines echten Hauses?
Für ein bloßes Gartenhäuschen erscheint dieses Haus viel zu gut ausgestattet und ausgebaut. Auf dem Dach befindet sich ein kleiner Dachboden, unterm Haus ist ein Kohlekeller angelegt, zu dem verschiedene Luken führen, in denen die letzten Kohlen noch darauf warten, den Herd für ein Abendessen anzufeuern, das niemals gekocht werden wird. An einer alten Hundehütte führen Treppen in einen steilen Hanggärten mit schiefen Apfelbäumen und einem Keller, an dessen Eingang verschiedene Haken feinsäuberlich aufgereiht diesen ungebetenen Besuch begrüßen. Als ich den rutschigen moosbewachsenen Treppen auf ihrem gewundenen Weg den Garten hinunter folge, finde ich einen Hinweis auf die Vergangenheit des alten Hauses. In den Pfosten des rostigen Törchens ist ein Grundstein aus dem Jahr 1951 eingelassen. Zurück im Haus fallen mir die Spuren verschiedener Zeiten auf, die bunt gemischt nebeneinander liegen: Eine Zeitung von 1977 findet sich genauso, wie leere Bierdosen, die noch keinen Rost angesetzt haben oder verblichene Graffities, die aussehen, als stammten sie aus der Zeit der Antiatomkraftdemonstrationen. Ich stelle mir vor, wie es gewesen sein muss, jedes Wochenende hier zu verbringen, unter den rauschenden Bäumen zu schlafen und mit den knackenden Geräuschen des zur Ruhe kommenden Waldes zu Bett zu gehen. Ich habe einen Ort entdeckt, der außerhalb der Zeit zu existieren scheint. Hier gibt es kein Morgen mehr, ich bin durch ein Portal gereist und in allen Vergangenheiten gleichzeitig herausgekommen. Der alte Hut wird am Haken hängen bleiben und das Haus Schicht um Schicht von Gestern wachsen.
