
Wie wirkt sich unsere kulturelle Prägung auf die Art aus Krankheitssymptome zu empfinden, zu äußern und wie werden diese je nach Kontext gelesen? Die Gesundheit von Frauen funktioniert unter anderen Bedeutungszuschreibungen als die von Männern. Das klassische Beispiel ist der zu spät erkannte weibliche Herzinfarkt, weil weibliche Symptome oft nicht als die eines Herzinfarktes gedeutet werden. Doch wie funktioniert die Kommunikation und deren Ausdeutung in patriarchalen Kontexten? Dieser Frage geht unsere Autorin im Folgenden nach.
Zum ersten Mal hatte ich im Sommer 2021 zu Dr. B. Kontakt. Ich hatte zum wiederholten Mal eine Gehörgangsentzündung und unfassbare Schmerzen. Die dritte Nacht in Folge lag ich wach und konnte mich kaum bewegen, da jede Kleinigkeit sich anfühlte, als würde mir jemand Messer durch die Ohren rammen. Drehte ich mich auf die Seite, fühlte sich mein Ohr wie ein heißes, rohes Stück Fleisch an. So lag ich mit pulsierenden Augen da und überlegte, was ich machen sollte. Ich hatte nachmittags eine antibiotische Tamponade in den Gehörgang eingelegt bekommen, aber die Schmerzen fühlten sich zu extrem an und ich bekam Angst, dass die Entzündung außer Kontrolle sei, konnte die Schmerzen selbst nicht mehr richtig einordnen. Ich rief beim Hausarztnotruf an und mir wurde geraten, die HNO-Klinik der örtlichen Uniklinik aufzusuchen. Ich machte mich auf den Weg dorthin und saß im leeren Wartebereich. Nach einiger Zeit kam ein junger Arzt auf mich zu und wies mich an, ihm zu folgen. Er war nicht besonders freundlich, recht kurz angebunden, aber ich dachte mir, dass er wahrscheinlich einen anstrengenden Tag gehabt hatte und nachts um 1 einfach am Ende seiner Ressourcen sei. Ich ging ihm also unsicher hinterher, betrat Kabine Nummer 4 und schilderte ihm meine Vorgeschichte. Ich weiß noch, dass ich sagte, dass ich starke Schmerzen hätte, aber bin mir bewusst, dass ich so gewirkt haben mag, als sei das nicht der Fall. Ich kann meine Bedürfnisse stark unterdrücken, wenn ich das Gefühl habe, dass mein Gegenüber eigentlich schnell mit der Situation fertig sein will. So schilderte ich kurz die Situation. Dr. B. ging kaum darauf ein, dass ich meinte starke Schmerzen zu haben, besah sich die Ohren und stellte fest, dass die Einlage gewechselt werden müsste und warum ich mit so etwas in die Notaufnahme käme. Er erklärte nicht, warum er meinte, dass ich als Schmerzpatientin hier Fehl am Platz sei, sagte es nicht in ruhigem Ton, sondern mit eindeutig zu spürender unterdrückter Wut. Daraufhin fing ich an zu weinen, ich konnte einfach nicht mehr, die Schmerzen und der gefühlte Vorwurf, nicht hier sein zu dürfen, waren zu viel. Dr. B. ruderte daraufhin etwas zurück, rechnete anscheinend nicht damit, dass sein Verhalten diese Reaktion bei mir hervorrufen könnte. Er erwiderte daraufhin nichts Tröstliches, schränkte lediglich seinen zurechtweisenden Ton etwas ein und ich ging. Ich fühlte mich kleinlaut, wie ein Kind, das kein Recht hat, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es kann durchaus sein, dass die Notaufnahme nicht der richtige Ort war und ich bis zum nächsten Tag hätte warten sollen. Aber als Patient_in kennnt man das Procedere und die im Hintergrund stattfindenen Abläufe nicht, weiß nicht, ob man den Arzt vielleicht von einer wichtigeren Aufgabe abhält, sondern weiß nur, dass man Hilfe möchte und sucht sich diese. Man denkt ganz naiv, dass dafür doch bestimmt die Notfallambulanz eines Krankenhauses da ist.
Situationen wie diese habe ich nicht zuerst bei Dr. B. erlebt, aber sicherlich war dieses Erlebnis für mich eines der Eindrücklichsten, das auch noch lange in mir nachhallte. Ich selbst kann mittlerweile kaum noch einschätzen, wann es gerechtfertigt ist zum Arzt zu gehen, da ich selbst mit diesen schlimmsten Schmerzen, die ich jemals hatte, nicht ernst genommen wurde. Jetzt ist es meine Tendenz, Situationen entweder zu lange auszusitzen oder zu früh panisch zu werden und mich in Situationen hineinzusteigern, bis sie sich so bedrohlich anfühlen, dass ich dann vielleicht wirklich kostbare Zeit verschwende.
Heute landete ich aus Zufall wieder bei Dr. B. Ich hatte ein Loch im Zahn und sollte eigentlich am kommenden Freitag eine Wurzelkanalbehandlung bekommen. Aber gestern merkte ich, dass die linke Kieferseite seltsam kribbelte und sich sperrig anfühlte. Als ich in den Spiegel sah, kriegte ich einen Schreck, da meine Wangen- und Halspartie nach meinem Empfinden stark angeschwollen war. Ich machte für heute früh einen Zahnarzttermin aus, aber dieser wollte die Schwellung erst abklären lassen und schickte mich in die HNO-Klinik. Dort erlebte ich ein weiteres Mal ein Nichternstgenommen-Werden Seitens Dr. Bs. Aber eine vielleicht auch nur unausgesprochene Unterstellung, man stelle sich an, bewirkt gerade, dass man Fragen von Ärzt_innen suggestiv beantwortet, die eigene Realitätswahrnehmung verliert und den medizinischen Prozess behindert, abgesehen davon, dass die beschriebenen Situationen traumatisierend wirken können. Gerade Frauen sind meines Erachtens nach in besonderem Maße hiervon betroffen. Ich war also wieder bei Dr. B. in Kabine Nummer. 4 und er startete die Untersuchung mit den Worten, dass wir uns ja schon mal begenet seien, nachts um 1, wobei er kicherte. Ich reagierte kaum, fand die Situation keinesfalls witzig, erinnerte ich mich doch genau an die Umstände unseres letzten Treffens. Das merkte er wohl und wir beide gingen in geschäftsmäßigen, unemotionalen Ton über, womit ich gut leben konnte. Doch dann machte er eine endoskopische Untersuchung. Ich bin, was so etwas angeht, recht ängstlich, da mein Kopf schon immer Szenen kreiert, noch bevor überhaupt etwas passiert, dessen bin ich mir bewusst. Aber Dr. B. sagte weder, was er tat, noch sprach er während der Untersuchung mit mir. Ich reagierte stark körperlich, wimmerte und weinte, da es tatsächlich weh tat. Er kommentierte die Situation nur mit dem knappen Befund, dass nichts Auffälliges festzustellen sei und wies mich an, ihm zu folgen, weil er eine Ultraschalluntersuchung machen wollte. Meine emotionale Aufgewühltheit blieb sichtbar-unsichtbar im Raum schweben. Er fragte, ob ich auf ein Antibiotikum schon einmal seltsam reagiert hätte und ich bejahte dies, wobei dieser Umstand auch schon in meiner Patientenakte vermerkt war. Dr. B. rannte daraufhin aus der Kabine und rief jemandem entgegen, doch nichts mit Amoxiclav zu verschreiben und kam wieder zurück. Ich sollte am Freitag wieder vorstellig werden. Gegen 15 Uhr nahm ich meine erste Tablette Clindamycin ein. Nach zehn Minuten spürte ich eine Art Widerstand beim Atmen. Es fühlte sich genauso an wie damals, als ich auf das verschriebene Antibiotikum seltsam reagiert hatte.
Nach zwei Stunden war das Gefühl aber immer noch nicht weg und nachdem ich im Netz nachgelesen hatte, dass man bei Atembeschwerden nochmal Rücksprache mit dem Arzt nehmen soll, fuhr ich wieder in die Klinik. Das Erste, was die Pförtnerin sagte war „Na sie können aber doch schon noch atmen“, was mich ein weiteres Mal verunsicherte. Als Laie ist es verdammt schwer einzuschätzen, welche Symptome der Anfang einer allergischen Reaktion sind und ab wann man damit zum Arzt sollte. Nach kurzer Wartezeit kam ein anderer Arzt aus dem Untersuchungsbereich und mir fiel ein Stein vom Herzen. Er sagte er müsse leider nochmal eine endoskopische Untersuchung machen und erklärte ruhig, warum das wichtig sei. Ich erwiderte daraufhin, dass es mir Leid täte, wenn ich mich gleich anstellte – ich dachte nach der Endoskopie vom Mittag, dass ich besonders anstrengend oder überempfindlich sei. Dr. W. meinte daraufhin, dass ich mich überhaupt nicht anstellte und dass es im Gegenteil wichtig sei, dass ich sagte, wenn es weh täte. Nur dieser eine Satz tat unfassbar gut. Er verschrieb mir ein anderes Antibiotikum und ich erstarrte, als ich auf den Zettel schaute. Es war dasselbe, das ich am Nachmittag von Dr. B. verschrieben bekommen hatte. Ich sagte es ihm und er war sichtlich irriiert. In der Dokumentation war nichts davon zu sehen. Wäre ich weniger aufmerksam gewesen, bzw. hätte mich auf die ärztliche Autorität verlassen oder wäre eingeschüchtert gewesen, hätte ich wiederholt das für mich gefährliche Antibiotikum genommen und das nur, weil Dr. B. die Dokumentation nicht sauber ausgeführt hatte.
Ärzt_innen müssen aber auch diejenigen Patient_innen gut behandeln, die sie nicht leiden können oder zu denen sie keinen Draht haben. Ich empfand es als Hohn, als ich nach kurzer Recherche zu Dr. B. herausfand, dass mit seinem Gesicht auf der Homepage der Uniklinik für die tolle Ausbildung und das Training von schwierigen Gesprächen zwischen Ärzt_innen und Patient_innen mit Schauspieler_innen geworben wird. Im Text heißt es, dass gelernt wird, wie sich die jungen Ärzt_innen auf ihre Patient_innen und deren Gefühle einlassen und ein sensibler Umgang geschult werden soll. Dieses Feigenblatt der Patient_innenfürsorge ist echter Hohn. Neben den einfach zu fassenden Fehlern wie schlechter Dokumentation oder unangebrachtem Ton ist allerdings meines Erachtens viel eher ein strukturelles Problem die Basis dieser Situation.
„Sich Hilfe zu suchen, sich schwach zu zeigen fällt vielen Frauen schwer, da wir selten lernen, Raum einzunehmen und uns zugestehen, das ganz selbstbewusst zu dürfen.“
Frauengesundheit wird viel zu selten aus einer ganzheitlichen Perspektive betrachtet, doch die Hemmnisse sind für Frauen im medizinischen Bereich andere, als für viele Männer. Das beginnt schon bei der Schmerzanamnese. Viele Frauen werden damit sozialisiert, in der Rolle der Caretaker zu sein. Sich Hilfe zu suchen, sich schwach zu zeigen, fällt vielen Frauen schwer, da wir selten lernen, Raum einzunehmen und uns zugestehen, dies ganz selbstbewusst zu dürfen. Und natürlich zeigt sich diese Problematik auch in ärztlichem Kontext oder vielleicht auch gerade dort. In vielen Fällen haben Frauen sexuelle Übergriffe erlebt. Diese haben wie in meinem Fall vielleicht gar nicht in einem medizinischen Kontext stattgefunden, aber sie wirken sich auch darauf hin aus. Ich für meinen Teil kann sagen, dass ich gerade in medizinischen Situationen oft eine Art Ausgeliefertsein empfinde, die mich in eine Art Überanpassung zwingt. Ich höre auf Signale meines Gegenübers, ich werde leise und es wirkt vielleicht, als wäre eigentlich alles in Ordnung, ich unterdrücke den Schmerz, unterdrücke mich, weil ich erfahren habe, das über meine Grenzen gegangen wird. Das ist das Muster vieler sexueller Übergriffe und es spielt sich wieder und wieder in Situationen ab, die von einer ungesunden Machtimbalance geprägt sind. Auch das gehört zum Thema Frauengesundheit. Aber ein Bewusstsein dafür ist selten vorhanden. Viel eher als Schauspielkurse zu absolvieren, sollten Kurse angeboten werden, die für Machtungleichheiten sensibilisieren, um zu verstehen, dass Frauen ihre Symptome anders beschreiben und warum. Ersteres ist bloße Symptombehandlung, aber erst wenn wir die Ursachen erkennen und behandeln, werden wir Erfolg haben.
Es braucht eine Schulung, um Unsichtbares oder subtil Geäussertes zu erkennen. Ich sage nicht, dass es leicht ist und mir ist bewusst, dass gerade im klinischen Kontext wenig Zeit ist, aber wenn es uns um Gesundheit geht, erscheint es absurd, Situationen nicht mit in die Anamnese einzubeziehen, die die Gesundung verhindern.
