
Sprache erschafft Wirklichkeit. Sie kann auch genutzt werden, um Gruppenidentitäten zu bilden, untereinander zu kommunzieren und einen doppelten Boden an Bedeutung in das Gesagt einzuweben. Wie dies die Neuen Rechten für sich nutzen, zeigt unsere Autorin im folgenden Essay auf.
Im August 2020 fand in Berlin mit 22.500 Teilnehmer_innen die größte Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen statt. Im selben Monat erfolgte mit Hunderten von Teilnehmer_innen der „Sturm auf den Reichstag“. Auch wenn die beiden Ereignisse nun schon eine geraume Zeit zurückliegen, will ich hier aus gegebenem Anlass über sie berichten. Aufmerksam geworden bin ich selbst auf die angekündigte Großdemonstration Anfang August 2020, als ich gerade in einem anderen Kontext recherchierte. Ich sah ein Youtube-Video von einer kleineren Demonstration gegen Corona-Maßnahmen in einer kleinen Stadt in meiner Umgebung und bekam unter anderem deshalb ein seltsames Gefühl, weil die Veranstalter_innen zwischen den einzelnen Beiträgen kryptische Andeutungen machten, als würde ein großes Event anstehen – abseits der angekündigten Großdemo in Berlin. Ich fing an zu recherchieren und war mir sicher, dass es gewalttätige Umsturzbewegungen geben sollte. Doch ich wusste nicht, mit wem ich über diesen Verdacht sprechen sollte, die Polizei schien mir kein geeigneter Gesprächspartner zu sein, hatte ich doch keine belastbaren Hard Facts, sondern ein seltsames Bauchgefühl aufgrund der angewandten Gesprächsstrategien der Veranstalter_innen. Und außerdem nahm ich mich wohl selbst etwas zu ernst. Einige Wochen später fand die Demonstration statt und kurz danach der sogenannte Sturm auf den Reichstag. Dieses Jahr ist einer der Veranstalter_innen, der DJ Michael S., wegen Volksverhetzung verurteilt worden. Jener Michael S. war es auch, der die verklausulierten Äußerungen machte, die mich aufhorchen ließen. Ich möchte dieses Ereignis zum Anlass nehmen und meine alte Recherche wieder aufnehmen, um aufzuzeigen, wie wir die von der Neuen Rechten angewandten Dogwhistles erkennen können, um uns selbst ernster zu nehmen und so eine Handhabe zu haben.
Als ich in dem Youtube-Video das erste Mal vom „Tag der Freiheit“ hörte, rollte ich nur die Augen. Mir kam es unglaublich pathetisch und großspurig vor, außerdem war ich alles andere als eine Corona-Leugnerin und fand es dementsprechend schon mehr als problematisch einen Tag der Freiheit von den Schutzmaßnahmen zu proklamieren. Das erste Mal horchte ich aber bei folgenden Worten von S. auf: „Alle denken natürlich jetzt Berlin – oooh, super Tag der Freiheit, klar is ne kleine Provokation… Das ist ein Pilotprojekt! Damit fängt‘s an! Und dann geht‘s weiter…“ Ich war verwirrt. Was genau war die Provokation? War damit wirklich nur das Offensichtliche gemeint, also ein Befreiungsmoment von einer imaginierten Unterdrückung? Aber was würde wie weitergehen? Der Ton in dem S. das alles sagte machte mich stutzig. Und auch das, was er danach sagte:„Machen einen Rundgang vorbei am Führerbunker, tschuldigung ich hab das mittlerweile so schon drin, am Führerbunker…“ Sollte das alles nur darauf abzielen sich von der sogenannten „Corona-Diktatur“ zu befreien? Ich begann Tag der Freiheit zu recherchieren und das erste, was ich dazu fand, war, dass es sich beim Tag der Freiheit viel weniger um einen bloßen Namen für eine Demonstration handelte. Vielmehr war der Tag der Freiheit der Name eines NS-Propagandafilms von Leni Riefenstahl aus dem Jahr 1935 über den siebten Reichsparteitag der NSDAP. Der Parteitag sollte die militärische Stärke des Dritten Reichs veranschaulichen. Es bedurfte also nicht wirklich viel Recherche, um herauszufinden, worauf die „kleine Provokation“ tatsächlich anspielte.
Aber genau so funktionieren die sogenannten Dog Whistles. Die Neue Rechte benutzt unklare Andeutungen, ironische Anspielungen, so dass sich das Gefühl ausbreitet, dass sich hinter dem Gesagten etwas verbergen könnte, aber eben nicht muss. Der Begriff kommt von den Ultraschall-Hundepfeifen, die für den Menschen geräuschlos sind – eine unsichtbare Waffe, die aber im Geheimen eben doch existiert. Die Eingeweihten aber verstehen eben diese Codes und wissen, was mit den Anspielungen gemeint ist. Und genau darin liegt das Spezifische dieser Kommunikationsstrategie: Sie ist adressatenbasiert. Je nach Publikum kann und wird sie anders verstanden. Das machte es für Außenstehende so schwierig, die Botschaften zu erkennen. Es handelt sich quasi um eine doppelt codierte Kommunikation. Der einzige Schutz, der besteht ist, um diese Strategie zu wissen und sich mit der Sprache der Neuen Rechten auseinanderzusetzen. Am folgenden Beispiel lässt sich noch einmal mehr sehen, wie die Neue Rechte außerdem vorgeht: „Wir müssen nicht mehr nach den Spielregeln der Regierung spielen… Das heißt also, ich will jetzt nicht dazu aufrufen, dass wir mit Waffen nach Berlin gehen, aber scheißt zum Beispiel auf den Abstand.“ S. sagt hier er würde eben nicht dazu aufrufen mit Waffen nach Berlin zu gehen, aber er legt auf diese Weise den Gedanken nahe. Es gibt keinen Grund seine schon drastische Forderung mit einem noch drastischeren Beispiel einzuleiten. Diejenigen, die eingeweiht sind, können es als Idee und Impuls verstehen.
Gerade im Zusammenhang mit einem auf einen NS-Propagandafilm anspielenden Titel der beworbenen Demonstration wirken die Äußerungen von S. Die Andeutungen werden kaum versteckt, liegen quasi offen da. Das einzige, was bleibt, ist, um den Deckmantel zu wissen, unter dem das Gemeinte zu Tage tritt. So erschweren wir es der Neuen Rechten wenigstens uns Botschaften unterzujubeln, die eigentlich etwas anderes meinen, als wir an der Oberfläche sehen.
