
Unser Leben wird von vielen Dingen beeinflusst: Den alltäglichen Routinen, der politischen Lage und den gesellschaftlichen Kontexten, in die wir eingebettet sind. Aber wie werden wir über Generationsgrenzen hinweg beeinflusst und welche Dynamiken zeitigt diese transgenerationale Beeinflussung in unserem Alltag? Diesen Fragen geht unsere Autorin im folgenden Porträt nach.
Mathilde sollte eigentlich gar nicht hier sein. Ich sitze der großen Frau mit den roten Haaren gegenüber, die gerade Zimt und Zucker über unseren beiden Puddingschüsselchen verteilt – wir teilen unseren Nachtisch, von mir kriegt sie Grießbrei, dafür bekomme ich ihre Hälfte Schokoladenpudding ab. Es ist unser alltägliches Abendritual, während wir warten. Wir wissen beide eigentlich nicht wirklich, worauf wir eigentlich warten. Darauf, dass die Tabletten wirken, darauf, dass wir einen besseren Eindruck auf das Pflegepersonal machen und im Allgemeinen auf bessere Zeiten. Wir sind am selben Tag hier angekommen, ich auf der geschlossenen Abteilung der psychiatrischen Klinik Würzburg, Mathilde nach langer Wartezeit freiwillig auf der Station für bipolare und depressive Erkrankungen. Die 3 West ist vorerst unser beider neues Zuhause.
Die meisten Frauen, denen ich begegne, sind wegen toxischen Beziehungen hier. Die wenigen Männer reden nur im Allgemeinen von Depression. Auch Mathilde erzählt mir in unserem ersten Gespräch davon, dass ihr Schwiegervater ihre drei Kinder missbraucht hat. Bei kalten Broten und geteiltem Pudding – Abendessen gibt es schon um 17 Uhr – besprechen wir also jeden Nachmittag unsere Familiengeschichten. Auch meine Oma mütterlicherseits war schon auf derselben geschlossenen Station, auf der ich vor ein paar Wochen angekommen bin, ging durch denselben grauen Betonhof, umzäunt von hohen Mauern, saß in der Sonne auf den weißen Drahtbänken, während eine Frau im schicken gelben Kleid aufgeregt erzählte, dass die Königin komme. Ich selbst gehe jeden Abend zwischen 17 und 20 Uhr weg. Mein Auto darf ich eigentlich nicht benutzen. Wenn ich zurück zur Klinik komme, fallen mir jedes Mal zwei Stolpersteine auf, auf denen die Namen zweier Deportierter stehen, die im KZ Flossenbürg ermordet wurden. Vor dem Eingang der Klinik steht links vor einem alten Torbogen eine Erinnerungsstele, die unsere Klinik als Außenstelle des KZ Flossenbürg ausweist.
Noch abends im Bett recherchiere ich die Geschichte unserer Psychiatrie. Der Direktor der Universitätsklinik Würzburg während des Dritten Reichs, Werner Heyde, war außerdem gleichzeitig der Leiter der Psychiatrie. Er war als medizinischer Leiter maßgeblich daran beteiligt, das T4-Programm zu etablieren und zu organisieren. Während des T4-Programms wurde die systematische Ermordung von mehr als 70 000 körperlich und geistig behinderten Menschen zwischen 1940 und 1941 durchgeführt. Auch Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen zählten zu den Opfern. Die Mordmethode – die Vergasung der Menschen mit Kohlenmonoxid – stammte aus demselben Würzburger Umfeld: Die Entscheidung Kohlenmonoxid zu verwenden war unter Mitwirkung Heydes und nach einer Besprechung mit dem Würzburger Pharmakologen Ferdinand Flury getroffen worden. Jeden Abend werde ich aufs Neue daran erinnert, dass auch ich zu dieser Opfergruppe gehört hätte, hätte ich zu dieser grausamen Zeit gelebt. Aber das eigentliche Ausmaß wird mir erst bei einem gemeinsamen Spaziergang mit Mathilde wirklich bewusst.
Wir haben gerade unsere 40-minütige Nordic Walking-Tour hinter uns und setzen uns noch auf eine Zigarette zwischen die Reben, bevor das Gewitter loszubrechen verspricht. Ich kenne nahezu zu jedem Familienmitglied Mathildes eine Geschichte, aber heute ist es das erste Mal, dass sie mir von ihrer Mutter erzählt. Mathilde kam als letztes Kind ihrer Eltern zur Welt, ihre Mutter Antonia wurde mit 36 noch einmal mit ihr schwanger. Anders als andere Frauen ihrer Generation hatte sie einen Beruf erlernt: Ihr Vater hatte ihr eine Schneider_innenlehre finanziert. Mathilde erzählte mir von einem Holzkästchen, in dem ihre Mutter zeitlebens ihre Garne aufbewahrte. Dieses Holzkästchen hatte sie überall dabei, es war abgegriffen und sie überlegte sich schon lange, es restaurieren zu lassen, aber andererseits trug es die Spuren der täglichen Benutzung durch ihre Mutter. Es hatte ein Geheimfach in dem mit Tinte Für Antonia in Liebe Ludwig geschrieben stand, ihrem späteren Mann, der ihr das Kästchen geschenkt hatte. Ludwig war früh und plötzlich verstorben, ein Schicksalsschlag, der die ganze Familie prägen sollte. Die Liebesgeschichte von Antonia und Ludwig begann auf einer Kur, als die beiden Kinder waren. Antonia musste aufgrund eines verkrüppelten Fußes in eine Klinik, wo sie als junges Mädchen Ludwig kennenlernte, mit dem sie eine Brieffreundschaft aufrecht erhielt. Dieser kranke Fuß war auch der Grund, weshalb ihr Vater ihr die Schneider_innenlehre finanzierte. Er ging davon aus, dass sie niemanden finden würde, der sie heiraten wollte und dass sie in der Lage sein musste, sich selbstständig zu versorgen. Es kam anders. Ludwig und Antonia führten eine kurze, aber glückliche Ehe, in der sie ihren Kindern ihre Werte vermitteln konnten, die sie wiederum an ihre Kinder weitergaben. Als Kind versteckte Antonias Vater seine Tochter bei Verwandten im Saarland, weil er weitsichtig davon ausging, dass die Nazis sie mindestens deportieren würden.
„Die Marginalisierung, die Antonia und ihre Familie aufgrund ihres kranken Fußes erfuhren zeitigt noch Generationen später Spuren.“
In dreifacher Hinsicht prägte der kranke Fuß Antonias ihr Leben und das ihrer Nachkommen: Sie fand ihre große Liebe, sie konnte einen Beruf erlernen und sich selbstständig versorgen und musste sich vor den Nationalsozialist_innen verstecken. Wäre es nach dem Leiter derjenigen Institution gegangen, in der Mathilde und ich uns Jahrzehnte später kennenlernen würden, hätte Antonia niemals überlebt, nie Kinder bekommen. In der Logik der Nationalsozialist_innen erscheint diese transgenerationale Perspektive pervertiert: Sogenanntes lebensunwerte Leben vernichten, um keine erbkranken Nachfahren zu erzeugen. Aber das ist offensichtlich eine krude und grausame Sicht auf die Realität. Die Täter schrieben mit an der Familiengeschichte Antonias und Mathildes. Die Marginalisierung, die Antonia und ihre Familie aufgrund ihres kranken Fußes erfuhren zeitigt noch Generationen später Spuren. Doch genauso hat sich in ihren Kindern und Enkeln der Kampf um Selbstbestimmung und das Recht auf die eigene Perspektive erhalten, ein Aufbegehren gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit, ein sich Einsetzen für Mitmenschlichkeit im Umgang miteinander. Als ich Mathilde kennenlernte, war ich zunächst irritiert. Sie war so freundlich, suchte Kontakt, machte Witze, kam einem nahe, während ich um mich selbst kreiste und keine Verbindung mehr zur Außenwelt herstellen konnte. Ich war wie ein waidwundes Tier, verschreckt und mich ständig fragend, weshalb sich die anderen Insassen so seltsam mir gegenüber verhielten. Ich bezog jede Negativität nur noch auf mich. Ich beobachtete Mathilde nach unserem ersten Kontakt und stellte fest, dass sie sich den anderen gegenüber genauso offen und herzlich verhielt. Irgendwann sagte sie einmal zu mir, dass man doch nie wissen könne, was gerade beim anderen los sei und sich jeder über ein herzliches Wort freute. Das habe sie Zuhause gelernt. Diese Haltung, diese liebevolle Herzlichkeit hat mir mehr als alles andere aus meinem tiefen Loch geholfen. Ich konnte sie danach wieder entdecken in den Gesten meiner Mutter, ihrem Lächeln, den Witzen meines Vaters und den besorgten Fragen meiner Schwester. Diese Menschlichkeit ist das wahre Erbe in einer Familie, die seit Generationen mit Marginalisierungen zu kämpfen hat. Vielleicht entsteht es gerade in diesem Spannungsverhältnis, in einem Raum, in dem ein gegenseitiges sich Kümmern wichtig für das eigene Überleben wird, das aber auch an den eigenen Kräften zehrt.
