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Unsere Autorin macht sich Gedanken über ihre eigene Faulheit und das schlechte Gewissen, das immer wieder hochkommt, wenn sie die Füße hochlegt.

Ich liege im Garten und mache eigentlich nichts, also so wirklich gar nichts. Ich starre maximal ein paar Löcher in die Luft und das nicht aus Langeweile, sondern weil ich Lust drauf hab. Doch irgendwie überkommt mich dabei ein ungutes Gefühl, das sich schon fast nach schlechtem Gewissen anfühlt. Was erzähle ich denn morgen, wenn mich jemand fragt, was ich so mit meinem Sonntagnachmittag gemacht habe? Soll ich schnell noch ein paar Alibifotos mit schickem Filter für Instagram machen? Irgendwie muss man ja was machen, und sei es nur sein Essen zu fotografieren, damit jeder sieht, was man so getrieben hat. Doch woher kommt das eigentlich, dass ich mich schlecht dabei fühle, wenn ich meine Freizeit vergammeln möchte und mir keine To-Do-Liste für den Sonntag zurechtgelegt habe?

„Die Anforderungen an Leistungsbereitschaft in unserer Welt resultieren aus einem Wertewandel im 16. Jahrhundert.“

Schon 1880 formulierte Paul Lafargue sein Recht auf Faulheit, eine Auseinandersetzung mit der herrschenden (Arbeits-)Moral. Und betrachtet man die Flut von Instagram-Fotos, auf denen eine perfekt durchgestylte Freizeit gezeigt wird oder die Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen, in der des Öfteren vor der sozialen Hängematte gewarnt wird, so scheint eines offensichtlich: Arbeit durchdringt nicht nur nahezu jeden Lebensbereich, sondern gilt uns auch als moralische Instanz, aus der wir unseren Wert für die Gesellschaft ziehen. Der faule Paule scheint aktueller denn je zu sein… Die Leistungsbereitschaft und -anforderungen unserer Welt gehen auf einen Wertewandel zurück, der schon im 16. Jahrhundert stattfand. Denn in der Antike und auch noch im Mittelalter wurde Arbeit keineswegs als positive Qualität gewertet, um die herum das eigene Leben organisiert werden sollte. Auch wenn Arbeit aus lebenspraktischen Gründen einen großen Stellenwert besaß, ist dieser keinesfalls von derselben moralischen Hochschätzung wie im 18., 19. oder 20. Jahrhundert gekennzeichnet, sondern eben durch reinen Pragmatismus bedingt. Arbeit wurde als Mühsal betrachtet, die den Menschen unter Zwang setze und ihn so seiner Freiheit beraube. Im Gegensatz hierzu stand die Wertschätzung der Muße, die in der Antike als Voraussetzung für ein freies Leben und das Funktionieren sozialer Gemeinschaften angesehen wurde. Während des Mittelalters schließlich fand der Arbeitsbegriff eine immer größere Aufwertung.

Arbeit wurde seit Martin Luther als Sinn eines gottgefälligen Lebens gedeutet. Die Puritaner gingen sogar soweit anzunehmen, dass sich in finanziellem Wohlstand zeige, wer von Gott auserwählt sei. In Folge der Aufklärung differenzierte sich der Arbeitsbegriff immer weiter aus. Adam Smith schließlich unterschied zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit, wobei zur produktiven Arbeit diejenigen Tätigkeiten gezählt wurden, die materielle Werte schufen. Die Sphäre des Geistigen – der klassische Bereich der Muße – zählte dementsprechend nicht zum Gebiet der produktiven Arbeit. Arbeit als bürgerliche Tugend bezog sich also vor allem auf Tätigkeiten, die auf Werte wie Effizienz und Wachstum bezogen werden konnten. Der Müßiggang musste in Frührente gehen. Soziale Stellung und die Identität des Einzelnen in der Gesellschaft bezogen sich mit der Zentrierung auf das kapitalistische Wirtschaftssystem immer stärker auf dessen Beziehung zu dem, was als Arbeit galt. Arbeit wurde spätestens seit der Fließbandarbeit Henry Fords im frühen 20. Jahrhundert an das Schlagwort Effizienz gebunden. Die fordistischen Produktionsgrundsätze der Effizienz und Rationalisierung wurden analog auf jeden gesellschaftlichen Bereich übertragen und umfassten nahezu jede Ebene des Alltagslebens. Sozial- und Gesundheitspolitik waren nicht ausgenommen, genauso wenig, wie Raum- und Stadtplanung. 1922 erschienen Christine Fredericks ‚Efficiency Studies in Home Management‘, die der geschäftigen Hausfrau eine rationellere Haushaltsführung nahebringen wollten.

„Vielleicht hilft uns ein Blick in die Vergangenheit zu sehen, dass unsere Welt nicht immer so war, wie sie jetzt ist.“

Dieses Steigerungsprinzip prägt heute nicht weniger unsere Vorstellungen von dem, was wir als Arbeit empfinden. Im Gegensatz dazu steht die Faulheit auf relativ verlorenem, wenn nicht sogar auf verdammtem Posten. Denn auch wenn die neue Beliebtheit der Konzepte Achtsamkeit und Entschleunigung in Form von Ausmalbüchern und Entspannungsübungen zunächst das Gegenteil vermuten lassen, so scheinen sie doch auf eines abzuzielen: an der eigenen Persönlichkeit, in diesem Fall an der Fähigkeit zur Entspannung, zu arbeiten. Denn „wer sich schneller entspannt ist besser als jemand, der sich nicht so schnell entspannt, der aber immer noch besser ist als jemand, der sich überhaupt nicht entspannt, und verdientermaßen unentspannt ist.
Da kann man nix machen…“ Wer faul sein will, muss leiden. Oder eben an sich arbeiten. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht hilft uns ein Blick in die Vergangenheit zu sehen, dass unsere Welt nicht immer so war, wie sie jetzt ist. Dass das, was als gut und richtig empfunden wird aus bestimmten Situationen entstanden und eben nicht naturgemäß gut und richtig ist. Diese Erkenntnis versetzt uns schließlich in die Lage, unsere Welt nach den eigenen Maßgaben zu gestalten und mehr noch: Wir können uns vielleicht, ganz vielleicht wirklich in die Hängematte legen. Und zwar in Jogginghose mit Schokoflecken. Aber ohne schlechtes Gewissen.

Ann-Kathrin Pfeifer hat Germanistik und Europäische Ethnologie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg studiert und liebt Alltagsgeschichten. Sie sucht gerne die große Geschichte in den kleinen Dingen und entdeckt hier, welche Strukturen unser aller Zusammenleben bestimmen und unseren Alltag prägen.